Tilgung von Staatsschulden

Der Staat leiht sich Geld – aber zahlt er es je zurück? Tilgung bedeutet die Rückzahlung des Kapitals. Bei Staatsschulden ist das seltener, als die meisten annehmen.

Für die Haushalte von Bund, Ländern und Kommunen gilt: echte Tilgung und bloße Umschuldung sind zwei völlig verschiedene Vorgänge – mit sehr unterschiedlichen Konsequenzen für die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen.

Auf einen Blick

  • Tilgung ist die tatsächliche Rückzahlung des Schuldkapitals, strikt getrennt von Zinszahlungen und Umschuldung.
  • Im Regelfall finanziert der Bund fällige Anleihen nicht durch Steuereinnahmen zurück, sondern gibt neue Anleihen aus (Anschlussfinanzierung).
  • Nach den Notlagenkrediten der Corona-Jahre läuft seit 2024 ein gesetzlicher Tilgungsplan, der bis 2058 dauern soll.

Was ist Tilgung?

Tilgung bezeichnet die planmäßige oder außerplanmäßige Rückzahlung eines geliehenen Schuldbetrags – konkret des Nominalwerts, also des ursprünglich aufgenommenen Kapitals. Sie ist streng von zwei verwandten Begriffen zu unterscheiden: von der Zinszahlung (das ist die Vergütung für die Kapitalüberlassung) und von der Umschuldung (dabei werden alte Kredite durch neue abgelöst, ohne dass der Schuldenstand netto sinkt).

Bei einem Privatkredit läuft Tilgung automatisch mit jeder Rate. Beim Staat verhält es sich grundlegend anders als beim Privatkredit: Die Bundesrepublik Deutschland nimmt Geld über Staatsanleihen auf, die zu festen Laufzeiten fällig werden. Läuft eine Anleihe aus, gibt die Deutsche Finanzagentur schlicht eine neue aus – und verwendet die Einnahmen, um die alte Anleihe zu bedienen. Netto sinkt die Schuldenlast dabei nicht. Diese Praxis heißt Anschlussfinanzierung und ist der Normalfall im Bundeshaushalt, nicht die Ausnahme.

Rechtlicher und institutioneller Rahmen

Die Schuldenbremse im Grundgesetz regelt, unter welchen Bedingungen der Bund überhaupt neue Kredite aufnehmen darf – und wann er diese auch wieder zurückzahlen muss.

Gemäß Art. 115 Abs. 2 Satz 1 GG sind Einnahmen und Ausgaben des Bundes grundsätzlich ohne Krediteinnahmen auszugleichen. Heißt: neue Schulden sind im Normalfall verboten. Tritt jedoch eine außergewöhnliche Notsituation ein, darf der Bundestag die Kreditobergrenze per Beschluss überschreiten – ist aber zwingend verpflichtet, einen verbindlichen Tilgungsplan zu verabschieden (Art. 115 Abs. 2 Satz 7 GG). Die Rückführung muss „binnen eines angemessenen Zeitraumes“ erfolgen (Satz 8). Wie lange dieser Zeitraum konkret ist, hat der Verfassungstext bewusst offen gelassen – was regelmäßig zu politischen Debatten führt.

Aktuelle Zahlen und Bedeutung

Nach Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) betrug die Gesamtstaatsverschuldung zum Stichtag 30. September 2025 rund 2.608 Milliarden Euro. Der Bund der Steuerzahler beziffert den Stand im Frühjahr 2026 auf über 2,6 Billionen Euro – das entspricht laut Schuldenuhr einem Zuwachs von 6.918 Euro pro Sekunde.

Im Haushaltsvollzug 2025 nutzte der Bund nicht-strukturelle Rückflüsse in Höhe von 1,7 Milliarden Euro zur vorzeitigen Tilgung von Notlagenkrediten. Zusammen mit den 8,5 Milliarden Euro aus dem Jahr 2024 wurden bis Anfang 2026 insgesamt 10,2 Milliarden Euro der Corona-Notlagenkredite zurückgezahlt (Quelle: BMF-Monatsbericht Januar 2026).

Vorzeitige Tilgung der Notlagenkredite des Bundes 2024-2026
HaushaltsjahrVorzeitig getilgter BetragKumuliert
20248,5 Mrd. Euro8,5 Mrd. Euro
20251,7 Mrd. Euro10,2 Mrd. Euro

Quelle: BMF-Monatsbericht Januar 2026

Die planmäßige, strukturelle Tilgung der Notlagenkredite soll laut Haushaltsplänen im Jahr 2028 beginnen. Das BMF rechnet mit Tilgungsausgaben von jährlich bis zu 11 Milliarden Euro – über einen Zeitraum von rund 30 Jahren bis 2058. Zum Vergleich: Der Bundesrechnungshof warnt regelmäßig davor, dass dauerhafte Verpflichtungen durch Zinsen und Tilgungen die finanziellen Spielräume für künftige Investitionen im Bundeshaushalt drastisch einengen.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

Tilgung, Zinsen, Umschuldung und Schuldenabbau werden im öffentlichen Diskurs oft vermischt. Die Unterschiede sind aber für das Verständnis der Staatsverschuldung entscheidend.

Abgrenzung: Tilgung, Zinsen, Umschuldung und Schuldenabbau
BegriffWirkung auf die SchuldenlastTypisches Beispiel
TilgungSinkt nettoRückzahlung eines Notlagenkredits aus Haushaltsmitteln
ZinszahlungBleibt gleichCouponzahlung auf eine 10-jährige Bundesanleihe
Umschuldung / AnschlussfinanzierungBleibt gleichAusgabe neuer Anleihe bei Fälligkeit der alten
Schuldenabbau / KonsolidierungSchuldenquote sinktPrimärüberschuss und Wachstum drücken die Quote

Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Definitionen der Deutschen Bundesbank (Öffentliche Finanzen) und Art. 115 GG

Auch im internationalen Vergleich ist echte Netto-Tilgung bei Staaten selten. Das eigentliche Ziel lautet meist, die Schuldenquote zu senken – also schneller zu wachsen als die Schulden wachsen. Deutschland liegt mit einer Schuldenquote von über 60 Prozent über dem Maastricht-Kriterium, schneidet im Vergleich mit den USA oder Frankreich (jeweils über 100 Prozent des BIP) aber noch moderat ab. Mehr dazu finden Sie auf der Seite zur Staatsverschuldung Deutschland.

Weitere Fachbegriffe rund um die deutsche Staatsverschuldung finden Sie im kompletten Glossar zur Staatsverschuldung.

Häufige Fragen zu Tilgung

Ich habe die Fragen zusammengestellt, die mir zu diesem Thema am häufigsten begegnen.

Was ist der Unterschied zwischen Zinsen und Tilgung?

Zinsen sind das Entgelt für die Kapitalüberlassung – der Preis, den der Staat für seinen Kredit zahlt. Tilgung ist hingegen die Rückzahlung des Kapitalbetrags selbst. Während Zinsen laufend anfallen, wird der Nennwert einer Staatsanleihe erst am Laufzeitende zurückgezahlt. Mehr dazu finden Sie im Abschnitt „Was ist Tilgung?„.

Tilgt Deutschland seine Schulden überhaupt?

Im Regelfall nicht netto: Fällige Anleihen werden durch neue ersetzt, der Schuldenstand bleibt dabei konstant oder steigt. Es gibt jedoch gesetzliche Tilgungspläne als Ausnahme für Notlagenkredite – etwa die bis 2058 laufende Rückzahlung der Corona-Schulden. Alle Details stehen im Abschnitt „Aktuelle Zahlen und Bedeutung„.

Was ist ein Tilgungsplan nach der Schuldenbremse?

Wenn der Bundestag die Kreditobergrenze wegen einer außergewöhnlichen Notsituation überschreitet, muss er gleichzeitig einen verbindlichen Tilgungsplan beschließen. Dieser Plan legt verbindlich fest, in welchem Zeitraum Notlagenkredite zurückgezahlt werden. Der aktuelle Plan für die Corona-Schulden läuft bis 2058, die Energiekrisen-Schulden sollen separat bis zum Jahr 2061 getilgt werden. Schauen Sie sich dazu den Bereich „Rechtlicher und institutioneller Rahmen“ an.

Was ist der Unterschied zwischen Tilgung und Umschuldung?

Bei der Umschuldung löst der Staat einen fälligen Kredit durch einen neuen ab – die Schuldenlast sinkt dabei nicht. Im Gegensatz dazu reduziert echte Tilgung den Schuldenstand netto. Im internationalen Vergleich ist Anschlussfinanzierung der Normalfall, echte Tilgung die Ausnahme. Mehr dazu finden Sie unter „Abgrenzung zu verwandten Begriffen„.