Die Frage, ob Staatsschulden das Wirtschaftswachstum bremsen, beschäftigt Ökonomen und Politiker seit Jahren. Die 90-Prozent-These von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff hat diese Debatte über ein Jahrzehnt geprägt – und polarisiert.
Ich habe Ihnen die wichtigsten Fakten, Studien und aktuellen Entwicklungen zu schulden und wachstum auf dieser Seite zusammengestellt: von der Entstehung der berühmten Schwellenthese bis zum Excel-Fehler, der sie erschütterte, und der Post-Zeitenwende-Fiskalpolitik, die die Debatte neu entfacht.
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- Reinhart und Rogoff behaupteten 2010, Schuldenquoten über 90 % des BIP halbieren das Wirtschaftswachstum – ein Excel-Fehler und methodische Schwächen widerlegten diese These 2013 grundlegend
- Korrigierte Analysen zeigen: Staaten mit über 90 % Schuldenquote wuchsen im Schnitt noch um 2,2 % pro Jahr – nicht um -0,1 %, wie Reinhart und Rogoff behauptet hatten
- Entscheidend ist nicht die Höhe der Schulden, sondern wofür das Geld ausgegeben wird: Investitionsschulden für Infrastruktur und Bildung wirken anders als konsumtive Ausgaben
Die 90-Prozent-These: Was Reinhart und Rogoff behaupteten
Im Januar 2010 erschien ein Papier, das die wirtschaftspolitische Debatte für Jahre prägen sollte. Die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff veröffentlichten unter dem Titel Growth in a Time of Debt eine Analyse von Daten aus 44 Ländern. Ihr Befund: Sobald die Staatsverschuldung die Schwelle von 90 % des Bruttoinlandsprodukts überschreitet, bricht das Wirtschaftswachstum drastisch ein.
Kernthese und Zahlen des Originalpapiers
Laut dem Originalpapier wuchsen Volkswirtschaften mit einer Schuldenquote zwischen 60 und 90 % des BIP noch um 2,8 % pro Jahr. Jenseits der 90-Prozent-Marke aber, so Reinhart und Rogoff, schrumpfe das Wachstum auf durchschnittlich -0,1 % – die Wirtschaft kontrahiere also. Diese Zahl wurde in den folgenden Jahren in politischen Debatten weltweit zitiert, besonders zur Rechtfertigung von Sparmaßnahmen nach der Finanzkrise 2008/2009. Das zugrundeliegende NBER Working Paper 15639 ist auf der Seite des National Bureau of Economic Research abrufbar.
Politische Wirkung der Studie
Die Studie entfaltete eine ungewöhnliche politische Schlagkraft. Europäische Kommissare und US-amerikanische Politiker beriefen sich auf die 90-Prozent-Schwelle, um harte Sparprogramme akademisch zu untermauern. Griechenland, Spanien und Portugal, deren Schuldenquoten unter dem Druck der Eurokrise explodierten, standen im Mittelpunkt dieser Debatte. In diesem Zusammenhang geriet auch die deutsche Schuldenbremse als Instrument zur Haushaltsdisziplin in den Blickpunkt. Die Idee einer harten quantitativen Schuldenschwelle wirkte wissenschaftlich eindeutig – bis 2013.
Der Excel-Fehler: Wie die These fiel
Im April 2013 veröffentlichten drei Forscher der University of Massachusetts – Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin – eine Replikationsstudie, die das Fundament der 90-Prozent-These erschütterte. Sie hatten versucht, die Ergebnisse von Reinhart und Rogoff nachzuvollziehen, und dabei erhebliche Fehler entdeckt.
Methodische Fehler im Detail
Das PERI Working Paper 322 der University of Massachusetts, das beim Political Economy Research Institute abrufbar ist, dokumentiert drei zentrale Probleme. Erstens enthielt die Excel-Datei von Reinhart und Rogoff einen Formelfehler, durch den fünf Länder aus der Berechnung fielen. Zweitens wurden Länder wie Australien, Neuseeland und Kanada mit hohen Schuldenquoten aber solidem Wachstum selektiv ausgeschlossen. Drittens gewichteten Reinhart und Rogoff die Länderdaten unkonventionell: Ein einziges Jahr eines Landes zog dasselbe Gewicht wie 19 Jahre eines anderen. Diese fehlerhafte Gewichtung verzerrt das Ergebnis massiv.
Das korrigierte Ergebnis
Herndon, Ash und Pollin kamen nach der Korrektur zu einem fundamental anderen Befund. Staaten mit Schuldenquoten über 90 % des BIP wuchsen in ihren bereinigten Daten durchschnittlich um 2,2 % pro Jahr – nicht um die von Reinhart und Rogoff berichteten -0,1 %. Eine magische Schwelle, ab der die Wirtschaft kollabiert, ließ sich in den Daten nicht finden. Reinhart und Rogoff räumten den Excel-Fehler ein, verteidigten aber die Grundaussage einer negativen Korrelation zwischen hohen Schulden und niedrigem Wachstum.
Das Kausalitätsdilemma: Henne oder Ei?
Selbst wenn man eine negative Korrelation zwischen hohen Schuldenquoten und niedrigem Wachstum akzeptiert, bleibt die entscheidende Frage offen: Was kommt zuerst? Nach meiner Einschätzung ist das Kausalitätsproblem der wissenschaftlich interessanteste Aspekt der gesamten Debatte.
Die Richtung der Kausalität
Der wissenschaftliche Konsens heute lautet: Die Kausalität ist bidirektional. Hohe Schulden können das Wachstum bremsen, weil sie Zinslasten erhöhen und privates Kapital verdrängen – der sogenannte Crowding-out-Effekt. Gleichzeitig aber führt schwaches Wachstum zwangsläufig zu steigenden Schuldenquoten, weil die Steuereinnahmen sinken und Sozialausgaben steigen. Griechenland ist ein anschauliches Beispiel: Die Schuldenquote explodierte nicht, weil Griechenland so viel ausgeliehen hatte, sondern weil die Wirtschaft einbrach und der Nenner – das BIP – schrumpfte. Die Details dazu habe ich auf der Seite Schulden in Griechenland zusammengestellt.
Japan als Gegenbeispiel
Japan widerlegt die 90-Prozent-These empirisch am deutlichsten. Das Land hält seit Jahren eine Schuldenquote von deutlich über 200 % des BIP – und ist trotzdem kein wirtschaftliches Katastrophenszenario. Japan finanziert seine Schulden fast vollständig durch inländische Investoren finanziert, was die Anfälligkeit für externe Schocks erheblich senkt. Wer sich die Zahlen genauer ansehen möchte, findet sie auf der Seite Schulden in Japan.
Qualität statt Quantität: Investitions- versus Konsumschulden
Der entscheidende Fortschritt in der neueren Forschung ist die Abkehr von der pauschalen Betrachtung der Schuldenquote hin zur Frage nach der Verwendung. Das ifo Institut und der Sachverständigenrat betonen heute beide, dass die absolute Schuldenhöhe entscheidend, sondern der Verwendungszweck der Mittel.
Wirkung produktiver Ausgaben
Ausgaben für Forschung, Bildung und Infrastruktur entfalten positive Wachstums- und Produktivitätseffekte. Sie erhöhen zwar kurzfristig die Schuldenquote, steigern aber langfristig die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft und damit die BIP-Basis, wobei höhere Steuereinnahmen mit zeitlichem Verzug folgen. Das ist der Mechanismus, mit dem Deutschland seine Ausgaben für das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität rechtfertigt – mehr dazu auf der Seite Sondervermögen des Bundes.
Wirkung konsumtiver Ausgaben
Anders verhält es sich mit konsumtiven Staatsausgaben – etwa für laufende Sozialleistungen ohne Investitionscharakter. Höhere rein konsumtive Ausgaben korrelieren negativ mit dem Wachstum, weil sie keine produktivitätssteigernde Wirkung entfalten, aber die Schuldenquote ebenso erhöhen wie Investitionsausgaben. Die Unterscheidung zwischen diesen Ausgabetypen ist schwieriger als sie klingt, weil viele Ausgaben Mischcharakter haben.
| Ausgabetyp | Beispiele | Wachstumswirkung |
|---|---|---|
| Investitionsausgaben | Infrastruktur, Bildung, Forschung | Positiv (langfristig) |
| Konsumtive Ausgaben | Laufende Sozialleistungen, Verwaltungskosten | Tendenziell negativ |
| Transferausgaben | Renten, Subventionen | Neutral bis leicht negativ |
| Verteidigungsausgaben | Rüstung, Bundeswehr | Kurzfristig positiv (Multiplikator), langfristig unsicher |
Einschätzung auf Basis der Einordnungen von ifo Institut und Sachverständigenrat zur Budgetzusammensetzung.
Die 60-Prozent-Marke: Maastricht und die Schuldenbremse
Neben der akademischen 90-Prozent-Schwelle gibt es eine politisch bindende: die Maastricht-Grenze von 60 % des BIP. Diese 1992 im Maastricht-Vertrag festgelegte Obergrenze für die öffentliche Verschuldung ist für alle EU-Mitgliedstaaten verpflichtend – zumindest auf dem Papier.
Deutschland überschreitet die Grenze
Deutschland hat die 60-Prozent-Marke mit seinem 2025er-Wert von 63,5 % des BIP zum sechsten Mal in Folge gerissen. Die Schulden stiegen 2025 auf 2,84 Billionen Euro – ein Anstieg um 144 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr. Die zugrundeliegenden Zahlen hat die Deutsche Bundesbank (März 2026) veröffentlicht, abrufbar unter bundesbank.de. Mehr zur deutschen Schuldenentwicklung finden Sie auf der Seite Schulden in Deutschland.
Schuldenbremse reformiert
Im März 2025 hat Deutschland seine Fiskalregeln tiefgreifend geändert. Laut dem IWF-Länderbericht Germany: 2025 Article IV Consultation vom 12. Februar 2026 wurden Ausnahmen für Verteidigungsausgaben über 1 % des BIP eingeführt. Ein neuer Sonderfonds darf über 12 Jahre Kredite von bis zu 500 Milliarden Euro aufnehmen. Die Auswirkungen dieser Reform sind auf der Seite Schuldenbremse in Deutschland aufbereitet.
Die Post-Zeitenwende-Realität: Neue Schulden, neue Fragen
Die Reinhart-Rogoff-Debatte ist kein akademisches Relikt. Sie ist durch die weltweite Aufrüstungswelle ab 2025 neu aufgeflammt – denn Länder, die ihre Verteidigungsbudgets massiv erhöhen, schieben unweigerlich ihre Schuldenquoten nach oben.
IWF-Prognosen für Deutschland
Der IWF prognostiziert für Deutschland einen Anstieg des Haushaltsdefizits auf rund 4 % des BIP bis 2027. Der fiskalische Impuls durch die kombinierten Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur ist der größte seit 25 Jahren (ohne die Covid-Jahre). Der IWF erwartet, dass dies das Wirtschaftswachstum 2026 auf 1,1 % und 2027/2028 auf rund 1,3 % hebt. Die Bundesbank schätzte in ihrem Monatsbericht vom August 2025, dass die deutsche Schuldenquote bis Ende 2027 auf bis zu 66 % steigen könnte.
Rüstungsschulden im historischen Vergleich
Der IWF hat im World Economic Outlook April 2026 auch die historische Wirkung von Aufrüstungsphasen analysiert. Das Ergebnis: Signifikante Aufrüstungsphasen führen historisch die Schuldenquote um 7 Prozentpunkte. Den World Economic Outlook April 2026 stellt der IWF auf seiner Publikationsseite bereit. Die USA, die als größte Volkswirtschaft der Welt bereits Nettoverbindlichkeiten von rund 25 % des weltweiten BIP halten, stehen dabei unter besonderer Beobachtung – Details dazu auf der Seite Schulden in den USA.
| Land | Schuldenquote (ca.) | Besonderheit |
|---|---|---|
| Deutschland | 63,5 % (Ende 2025) | Niedrigste Schuldenquote der G7 |
| Japan | > 200 % | Schulden fast vollständig bei Inländern |
| Griechenland | Stark erhöht | Eurokrise als historischer Einschnitt |
| USA | Stark erhöht | Ca. 25 % des globalen BIP als Nettoverbindlichkeit |
Quellen: Deutsche Bundesbank, 31.03.2026; IWF, Understanding Global Imbalances, 01.04.2026
Was die Wissenschaft heute sagt
Zwölf Jahre nach dem Excel-Skandal hat sich der Forschungsstand weiterentwickelt. Es gibt keinen ernstzunehmenden Ökonomen mehr, der eine harte quantitative Schwelle als allgemeingültig verteidigt. Die Debatte hat sich von der Menge- zur Verwendungsfrage verschoben – von „wie viel Schulden sind zu viel?“ zu „wofür werden die Schulden gemacht?“.
Aus meiner Sicht ist das ein echter Erkenntnisfortschritt. Die naive Hoffnung, ein einziger Prozentwert könne als universelle Warnschwelle dienen, war stets zu simpel für ein so komplexes makroökonomisches Phänomen. Wichtige Faktoren wie die Währung, in der Schulden denominiert sind, die Gläubigerstruktur, das Zinsniveau und das Potenzialwachstum einer Volkswirtschaft spielen eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Eine Einordnung der globalen Verschuldungssituation finden Sie auf der Startseite Staatsverschuldung im Überblick.
Häufige Fragen
Ich beantworte hier die wichtigsten Fragen zu schulden und wachstum – und verweise für die Hintergründe auf die entsprechenden Abschnitte dieser Seite.
Was besagt die Reinhart-Rogoff-These genau?
Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff behaupteten 2010, Volkswirtschaften mit einer Schuldenquote über 90 % des BIP wüchsen im Schnitt um -0,1 % – also schrumpften. Die These basierte auf Länderdaten über 200 Jahre. Alle Details stehen im Abschnitt „Die 90-Prozent-These: Was Reinhart und Rogoff behaupteten„.
Was war der Excel-Fehler bei Reinhart und Rogoff?
Die Replikationsstudie von Herndon, Ash und Pollin (2013) deckte auf, dass Reinhart und Rogoff einen Excel-Formelfehler hatten, der fünf Länder aus der Berechnung ausschloss. Außerdem wurden Länder mit hohen Schulden aber gutem Wachstum selektiv weggelassen und die Daten unkonventionell und verzerrt gewichtet. Mehr dazu im Bereich „Der Excel-Fehler: Wie die These fiel„.
Wie hoch ist das tatsächliche Wachstum bei Schuldenquoten über 90 %?
Nach der Korrektur durch Herndon, Ash und Pollin wuchsen Volkswirtschaften mit Schuldenquoten über 90 % des BIP noch um 2,2 % pro Jahr – statt der ursprünglich gemeldeten -0,1 %. Schau dir dazu den Bereich „Das korrigierte Ergebnis“ an.
Ist eine hohe Schuldenquote immer schädlich?
Nein. Japan hält seit Jahren Schuldenquoten über 200 % des BIP, ohne in eine Wachstumskrise zu geraten. Entscheidend sind Faktoren wie Gläubigerstruktur, Zinsniveau und vor allem der Verwendungszweck der Schulden. Mehr dazu finden Sie unter „Qualität statt Quantität: Investitions- versus Konsumschulden„.
Was ist die Maastricht-Grenze und warum ist sie relevant?
Der Maastricht-Vertrag von 1992 schreibt EU-Staaten eine Schuldenobergrenze von 60 % des BIP vor. Deutschland hat diese Marke mit seiner Schuldenquote von 63,5 % Ende 2025 zum sechsten Mal in Folge überschritten. Den Kontext erkläre ich im Abschnitt „Die 60-Prozent-Marke: Maastricht und die Schuldenbremse„.
Was ändert sich durch die Reform der Schuldenbremse 2025?
Die im März 2025 reformierte Schuldenbremse erlaubt Ausnahmen für Verteidigungsausgaben über 1 % des BIP und einen neuen Sonderfonds, der bis zu 500 Milliarden Euro Schulden aufnehmen darf. Laut IWF erzeugt dies größten fiskalischen Impuls seit 25 Jahren. Alle Details im Abschnitt „Schuldenbremse reformiert„.
Was ist der Unterschied zwischen Investitions- und Konsumschulden?
Investitionsschulden finanzieren Ausgaben mit produktivitätssteigernder Wirkung – etwa Infrastruktur, Bildung oder Forschung. Konsumtive Schulden decken laufende Ausgaben ohne nachhaltigen Wachstumseffekt – das ifo Institut unterscheidet beide Typen wegen gegenteiliger Wachstumseffekte klar voneinander. Mehr im Abschnitt „Qualität statt Quantität: Investitions- versus Konsumschulden„.
Wie entwickelt sich die Schuldenquote Deutschlands in den nächsten Jahren?
Die Bundesbank schätzte im August 2025, dass die deutsche Schuldenquote bis Ende 2027 auf bis zu 66 % steigen könnte. Der IWF erwartet für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 1,1 %, getragen durch den fiskalischen Impuls aus Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen. Die aktuellen Prognosen habe ich im Bereich „IWF-Prognosen für Deutschland“ zusammengefasst.