Deutschland nimmt in diesem Jahr neue Schulden wie nie zuvor. Die offizielle Nettokreditaufnahme des Bundes liegt 2026 bei knapp 98 Milliarden Euro – doch das ist nur ein Teil der tatsächlichen Neuverschuldung.
Ich habe Ihnen die aktuellen Zahlen, den rechtlichen Rahmen nach der Schuldenbremsen-Reform und die wichtigsten Prognosen zusammengestellt, damit Sie einordnen können, was die Neuverschuldung des Bundes wirklich bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- Die Nettokreditaufnahme des Bundes beträgt 2026 offiziell 97,97 Mrd. Euro – inklusive Sondervermögen steigt die tatsächliche Neuverschuldung auf über 180 Mrd. Euro
- Die Reform der Schuldenbremse 2025 hat Verteidigungsausgaben über 1 % des BIP komplett aus der Schuldenregel herausgenommen
- Das gesamtstaatliche Defizit (Bund, Länder, Gemeinden, Sozialversicherung) lag 2025 bei 2,7 % des BIP – damit hält Deutschland die EU-Maastricht-Grenze von 3 % noch ein
Was ist Neuverschuldung?
Die Neuverschuldung misst den jährlichen Finanzierungsbedarf eines Staates, der nicht durch Steuereinnahmen und sonstige Erlöse gedeckt wird. In Deutschland ist der technisch korrekte Begriff dafür die Nettokreditaufnahme: Sie ergibt sich, wenn man die neu aufgenommenen Kredite eines Haushaltsjahres um die gleichzeitig getilgten Schulden bereinigt.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Neuverschuldung des Bundes und Gesamtstaats. Der Bund ist nur eine Ebene – hinzu kommen Länder, Gemeinden und die Sozialversicherungen. Nur zusammen ergibt sich die gesamtstaatliche Defizitquote, die für das Maastricht-Kriterium relevant ist. Mehr über den Zusammenhang zwischen Neuverschuldung und dem Gesamtbild der Staatsverschuldung in Deutschland finden Sie auf meiner Übersichtsseite.
Nettokreditaufnahme vs. Bruttokreditaufnahme
Die Bruttokreditaufnahme liegt stets weit über der Nettokreditaufnahme, weil der Bund laufend auslaufende Staatsanleihen durch neue ersetzen muss – sogenannte Anschlussfinanzierungen. Für die Frage, ob der Staat im jeweiligen Jahr mehr Schulden macht, ist daher nur die Nettokreditaufnahme der aussagekräftige Wert.
Zum Thema Staatsanleihen und zur konkreten Berechnung der Nettokreditaufnahme habe ich eigene Ratgeber vorbereitet.
Aktuelle Neuverschuldung 2025 und 2026
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Nettokreditaufnahme des Bundes ist von 50,5 Mrd. Euro (2024) auf rund 90 Mrd. Euro (2025) gestiegen – das entspricht einer nahezu Verdopplung innerhalb eines Jahres. Für 2026 sieht der beschlossene Bundeshaushalt nochmals eine Steigerung auf 97,97 Mrd. Euro vor.
Bundeshaushalt 2026: Offizielle Nettokreditaufnahme
Der Bundeshaushalt 2026 mit einem Gesamtvolumen von 524,54 Mrd. Euro wurde im November 2025 beschlossen. Die offizielle Nettokreditaufnahme des Kernhaushalts beläuft sich auf 97,97 Mrd. Euro.
| Jahr | Nettokreditaufnahme Bund | Defizitquote Gesamtstaat |
|---|---|---|
| 2024 | 50,5 | 2,7 % des BIP |
| 2025 | ca. 90 | 2,7 % des BIP |
| 2026 (Soll) | 97,97 | Prognose: über 3 % des BIP |
Quellen: Bundesfinanzministerium, Bundeshaushalt 2026; Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Feb. 2026
Die echte Neuverschuldung: Sondervermögen eingerechnet
Der Kernhaushalt bildet aber nur einen Teil der tatsächlichen Kreditaufnahme ab. Hinzu kommen die schuldenfinanzierten Sondervermögen – allen voran das 2025 verabschiedete Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ mit einem Gesamtvolumen von 500 Mrd. Euro sowie der Bundeswehrfonds. Bezieht man diese Sondertöpfe ein, steigt die tatsächliche Neuverschuldung auf 180 Mrd. Euro.
Diese Unterscheidung ist für den Blick auf die Schattenhaushalte des Bundes zentral: Was im Kernhaushalt formal unter der Schuldenregel bleibt, taucht in den Sondervermögen als stille Kreditaufnahme wieder auf.
Schuldenbremse-Reform 2025
Der rechtliche Rahmen für die Neuverschuldung des Bundes hat sich im Frühjahr 2025 grundlegend verändert. Im März 2025 reformierte der Bundestag die Schuldenbremse (Art. 115 Grundgesetz) mit einer Zweidrittelmehrheit.
Die Bereichsausnahme für Verteidigung
Der Kernpunkt der Reform: Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung, die 1 % des nominalen BIP des Vorjahres übersteigen, sind vollständig aus der Schuldenregel herausgenommen. Das bedeutet, diese Ausgaben zählen formal nicht als „neue Schulden“ im Sinne der Schuldenbremse und unterliegen keiner Kreditobergrenze.
Neue Verschuldungsspielräume für Bundesländer
Auch die Länder profitieren von der Reform. Bislang galt für sie die strenge Schwarze-Null-Regel ohne jeden Spielraum – jetzt erhalten sie mehr Spielraum für strukturelle Verschuldung. Das verändert auch die Gesamtverschuldung Deutschlands auf allen staatlichen Ebenen.
Neuverschuldung berechnen: So funktioniert es
Wer die tatsächliche jährliche Neuverschuldung berechnen will, stößt auf eine Herausforderung: Der offizielle Soll-Ansatz des Bundeshaushalts erfasst nur den Kernhaushalt. Die vollständige Rechnung sieht so aus:
Offizielle Nettokreditaufnahme Kernhaushalt + Kreditaufnahme der Sondervermögen im jeweiligen Jahr = tatsächliche Neuverschuldung des Bundes. Für den Gesamtstaat müssen alle staatlichen Ebenen addiert werden, was zum gesamtstaatlichen Finanzierungssaldo führt – dem Wert, der an Eurostat gemeldet und am Maastricht-Kriterium gemessen wird.
Die methodischen Grundlagen erkläre ich in meinem Ratgeber zum Haushaltssaldo und zur Defizitquote.
Politische Debatte: Merz, Opposition und Wirtschaft
Die Debatte um die Neuverschuldung polarisiert. Selten war die Spannweite der Positionen so groß wie bei der Verabschiedung des Haushalts 2026.
Regierung: CDU/SPD
Kanzler Friedrich Merz und Finanzminister Lars Klingbeil bezeichnen den haushaltspolitischen Richtungswechsel als alternativlos. Die hohe Kreditaufnahme diene der Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit gegenüber Russland sowie dem notwendigen Aufbau militärischer und ziviler Infrastruktur. Das ist eine Position, die ich durchaus nachvollziehen kann – die Investitionslücken der vergangenen Jahrzehnte sind real.
Opposition und Kritik
Die AfD-Opposition wirft Merz vor, sein Wahlkampfversprechen gebrochen zu haben, da die CDU die Einhaltung der Schuldenbremse gefordert hatte. Die Grünen kritisieren, dass die Koalition zwar Rekordkredite aufnehme, aber Schwarz-Rot „den Aufgaben dieser Zeit nicht gerecht“ werde (Haushaltspolitiker Sebastian Schäfer). Der Wirtschaftsökonom Tobias Hentze vom IW Köln warnt, dass die neue Staatsverschuldung massive Zinsbelastungen in die Zukunft verschiebe.
ver.di-Chef Frank Werneke begrüßt das Sondervermögen grundsätzlich, bemängelt aber scharf, dass der kommunale Investitionsstau von 180 Mrd. Euro weiter vernachlässigt werde und Steuergeschenke an Unternehmen zulasten der Staatskassen gingen.
Internationaler Vergleich: Wo steht Deutschland?
Trotz der massiven Ausweitung der neuen Staatsschulden hält Deutschland 2025 mit einer gesamtstaatlichen Defizitquote von 2,7 % des BIP die europäische Stabilitätsgrenze von 3 % noch ein. Das Maastricht-Kriterium ist damit formal gewahrt – wenn auch mit deutlich kleinerem Puffer als in den Vorjahren.
Kritiker mahnen dennoch, dass Deutschland mit diesem Kurs seinen traditionell restriktiven Sonderweg verlässt und sich dem Schuldenniveau anderer G7-Staaten annähert. Zum Vergleich: Die USA weisen seit Jahren strukturelle Defizite weit über 5 % des BIP auf, Japan liegt mit seiner Schuldenquote über 250 % des BIP in einer anderen Liga. Auch Frankreich und Italien kämpfen mit dauerhaft hohen Defiziten. Mehr dazu im Ländervergleich.
Die relevanten Schwellenwerte und Regeln erkläre ich im Ratgeber zu den Maastricht-Kriterien.
Prognose und Zinslast
Die Deutsche Bundesbank prognostiziert (Stand Feb. 2026), dass die Defizitquote auf 4,5 % des BIP steigen wird. Haupttreiber sind die massiven schuldenfinanzierten Investitionen in Straßen, Schienen und das Militär.
Das hat direkte Folgen für die Zinslast: Jeder neu aufgenommene Euro muss verzinst werden. Mit steigendem Schuldenstand wächst die jährliche Zinslast und engt künftige Haushalte ein – Mittel, die dann für Bildung, Soziales oder andere Investitionen nicht mehr zur Verfügung stehen. Mehr dazu im Abschnitt zur Zinslast des Bundes und zum Thema Tragfähigkeit der Staatsverschuldung.
Zur Frage, welche Rolle die Neuverschuldung beim längerfristigen Schuldenabbau spielt, lesen Sie meinen Ratgeber zu Schuldenabbau und Konsolidierung.
Neuverschuldung BRD: Historische Einordnung
Die aktuelle Dimension der Neuverschuldung lässt sich nur im historischen Kontext einordnen. Die höchsten Neuverschuldungsraten der Nachkriegsgeschichte gab es in drei Phasen: nach der Wiedervereinigung in den frühen 1990er Jahren, nach der Finanzkrise 2008/2009 und in den Corona-Jahren 2020/2021. Die aktuelle Phase ab 2025 setzt einen neuen Maßstab – diesmal ohne externe Schocks als alleinigen Treiber, sondern als politische Entscheidung. Mehr historischen Kontext bietet mein Ratgeber zur Geschichte der deutschen Staatsverschuldung.
Zum Vergleich der Schuldenregeln verschiedener Länder empfehle ich den Ratgeber zu den internationalen Schuldenregeln.
Häufige Fragen
Hier finden Sie Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um die Neuverschuldung in Deutschland.
Wie hoch ist die Neuverschuldung 2026?
Die offizielle Nettokreditaufnahme des Bundeskernhaushalts liegt 2026 bei 97,97 Mrd. Euro. Rechnet man die Kreditaufnahme der Sondervermögen hinzu, steigt die tatsächliche Neuverschuldung auf 180 Mrd. Euro. Mehr dazu im Abschnitt „Die echte Neuverschuldung: Sondervermögen eingerechnet„.
Was bedeutet Neuverschuldung für Bürger?
Jede neue Schuld wird verzinst und muss irgendwann zurückgezahlt werden. Steigende Zinszahlungen engen künftige Haushalte ein – Mittel für Bildung, Soziales oder Infrastruktur werden knapper. Schau dir dazu den Bereich „Prognose und Zinslast“ an.
Hat Deutschland die Schuldenbremse abgeschafft?
Nein, die Schuldenbremse existiert weiterhin. Sie wurde aber 2025 durch eine Bereichsausnahme für Verteidigung erheblich aufgeweicht. Alle Details stehen im Abschnitt „Schuldenbremse-Reform 2025„.
Wie berechnet man die Neuverschuldung?
Die Nettokreditaufnahme ergibt sich aus neu aufgenommenen Krediten abzüglich getilgter Schulden. Die tatsächliche Neuverschuldung addiert Kernhaushalt und Sondervermögen. Den genauen Rechenweg erkläre ich im Bereich „Neuverschuldung berechnen: So funktioniert es„.
Hält Deutschland das Maastricht-Kriterium ein?
2025 ja – mit einer gesamtstaatlichen Defizitquote von 2,7 % des BIP liegt Deutschland unter der 3-%-Grenze. Die Bundesbank-Prognose für 2027 sieht jedoch eine Defizitquote von 4,5 % des BIP, was eine Verletzung bedeuten würde. Mehr dazu unter „Internationaler Vergleich: Wo steht Deutschland?„.
Was ist der Unterschied zwischen Neuverschuldung und Staatsverschuldung?
Die Neuverschuldung ist der jährliche Zuwachs der Staatsschulden – also der Betrag, den der Staat in einem Jahr neu auf Pump finanziert. Die Staatsverschuldung ist der kumulierte Schuldenstand aller bisherigen Jahre. Näheres dazu auf der Seite zur Staatsverschuldung Deutschland sowie im Abschnitt Was ist Neuverschuldung?
Was will Merz mit der Neuverschuldung finanzieren?
Im Wesentlichen zwei Bereiche: Verteidigung (Aufbau der Bundeswehr auf NATO-Fähigkeit) und Infrastruktur (Straßen, Schienen, digitale Netze) über das neue Sondervermögen. Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, davon 100 Mrd. Euro für die Bundesländer. Schau dir dazu den Bereich „Politische Debatte: Merz, Opposition und Wirtschaft“ an.
Wie entwickelt sich die Neuverschuldung ab 2027?
Die Deutsche Bundesbank erwartet eine steigende Defizitquote bis mindestens 2027. Die genaue Entwicklung hängt davon ab, wie schnell die Sondervermögen abgerufen werden und ob sich die Zinsbelastung durch steigende Zinssätze weiter erhöht. Alle Details im Abschnitt „Prognose und Zinslast„.